Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst

https://nathanael.kirchekoeln.de/wp-content/uploads/2020/04/Pfarrwort1.jpgLiebe deinen Nächsten wie Dich selbst

Dieser Satz bekommt in der Corona-Krise noch einmal eine neue Bedeutung. Plötzlich stehen wir vor neuen Herausforderungen, als Familie, als Single, als Jugendlicher oder Rentner. Denn es sind keine Corona-Ferien, es ist eine Corona-Krise, die wir gemeinsam bewältigen müssen.

Der erste Teil des Satzes „Liebe deinen Nächsten“ steht häufig im Fokus, dabei wird das „wie Dich selbst“ schnell vergessen. Für mich bildet dieser Satz aber eine Waage: Beides muss im Gleichgewicht sein: Die Liebe zu mir und zu meinen Nächsten.

Wenn ich mich selbst nicht ausstehen kann, gereizt und gestresst bin, dann verhalte ich mich auch anderen gegenüber so. Es kommt zu Konflikten, die wir im Moment am wenigsten brauchen können. Der Zuspruch Jesus, er fängt vielleicht am ehesten wirklich bei mir selbst an. Was heißt das in dieser Zeit? Überfordern Sie sich nicht!

In der Familie – Mit anderen zusammen

Schrauben Sie ihre Erwartungen herunter. Mit einem Mal sitzen Familien den ganzen Tag zusammen und sollen dabei Homeoffice und Schulaufgaben machen, Kochen, für Bewegung sorgen und spielen.
Dabei spüren wir gleichzeitig im Hinterkopf: Sorge um die Angehörigen, die einer Risikogruppe angehören oder Sorge, wann erwischt es uns, und wie schlimm wird es? All das rotiert in unserem Kopf. Dann noch die Idee, von der produktiven Nutzung der „Corona-Ferien“: Jetzt muss der Keller aufgeräumt, die Steuererklärung gemacht und ganz entspannt ein Buch gelesen werden, klappt nicht? Kein Wunder!

Sich selbst lieben, heißt aufmerksam hingucken: Was brauche ich jetzt, was gibt mir Kraft? Und dann den Kopf wenden und die anderen anschauen: Was brauchen sie, was gibt ihnen Kraft? Eine Ermahnung die Onlineaufgaben zu erledigen? Aufzuräumen? Oder brauchen sie etwas anderes? Einfach mal in den Arm nehmen? Sowohl das ungewohnte Zusammensein auf der einen Seite, als auch die endlose Einsamkeit auf der anderen Seite bieten ein hohes Konfliktpotenzial. Also horchen Sie in sich selbst hinein: Wo bin ich überfordert, wo habe ich mir zu viel vorgenommen, was hat jetzt Priorität?

Und dann merken Sie, vielleicht müssen jetzt doch nicht alle Hausaufgaben gemacht werden, vielleicht kann ich mich lieber darum kümmern, dass wir einmal am Tag herzhaft zusammen lachen, dass ich mit jemandem am Telefon gemeinsam lache, anstatt zu seufzen. Wenn Sie einigermaßen friedlich und versöhnt mit Ihren Liebsten durch diese Krise kommen, dann haben Sie viel geschafft.

Allein zu Hause

Den ganzen Tag allein zuhause; nur einkaufen und Spazierengehen ausgenommen, das ist schwierig. Der Kopf rotiert, Sie sind unruhig, und können sich gar nicht konzentrieren. Man ruft jemanden an, dann guckt man doch wieder auf die Nachrichten, dann zupft man an den Balkon- oder Zimmerpflanzen. Die Zeit dehnt sich und man wird ganz wirr.

Sie haben noch gar nichts geschafft, obwohl Sie unerledigte Aufgaben haben und schon seit drei Wochen nur noch Zuhause sind? Macht nichts!

Versuchen Sie vielleicht ihrem Tag eine Struktur zu geben, verabreden Sie sich zu Telefonaten, so wie früher zu andern Verabredungen. Die Kirchenglocken läuten und rufen zum Innehalten, singen Sie ein Lied, um 7 Uhr morgens (falls Sie schon wach sind) um 12:00 oder um 19.00. Vielleicht machen Sie mit, bei den neuen Ritualen, die nun entstehen m 19.30 Innenhalten und ein Kerze anzünden? um 21.00 klatschen? Da wird sich sicher in den nächsten Wochen noch einiges entwickeln.

Wenn ich mit mir im Einklang bin und mich nicht selbst überfordere, dann kann ich auch meine Forderungen an die anderen zurücknehmen und sie lieben, mit all ihren Schwierigkeiten die sie auch haben. Und dann kann ich überlegen, wie kann ich meinem Kind, meiner Nachbarin oder wem auch immer eine Freude machen? Nachhören, wie es anderen geht. Und dann ein kleines Geschenk vorbereiten, einen Gruß senden? Sie werden merken, dass das Ihre Laune mehr hebt, als zum 10. Mal am Tag die Nachrichten zu hören.

Sind wir also gnädig und freundlich mit uns und unseren Nächsten.

Reinhild Widdig